

Kinder besitzen von Natur aus ein starkes Empathie- und Gerechtigkeitsgefühl.
Diese Projekte unterstützen sie dabei, dieses Mitgefühl zu entdecken, zu bewahren, zu stärken und in ihrem Alltag zu leben. Ob im Unterricht, zu Hause oder in der Freizeit – sie helfen Kindern, fühlende Individuen wahrzunehmen und respektvoll mit ihnen umzugehen.

Sprösslingsherzen
Ein von Eltern gegründeter Verein, der Kindern eine bewusste vegane Lebensweise näherbringt. Er begleitet Kinder dabei, ihr Mitgefühl zu entdecken und zu bewahren, stärkt ihre Fähigkeit, andere fühlende Individuen als gleichwertig wahrzunehmen, und bietet Familien eine unterstützende Gemeinschaft, in der Mitgefühl im Alltag gelebt wird.

DAS TIER + WIR – Stiftung für Ethik im Unterricht
Eine Schweizer Stiftung, die Schulen und Kindergärten kostenlose pädagogische Materialien zur Verfügung stellt. Sie hilft Kindern, ihr Mitgefühl gegenüber anderen empfindungsfähigen Individuen bewusst zu entdecken, durch Verständnis zu stärken und in ihrem täglichen Verhalten lebendig werden zu lassen.

Team Tierheit
Ein deutschsprachiges Projekt für Kinder und Familien, das eine respektvolle, einfühlsame Lebensweise fördert. Es unterstützt Kinder dabei, ihr Mitgefühl gegenüber allen Individuen früh zu entdecken, achtsam zu stärken und es als festen Bestandteil ihres Alltags zu leben.


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Irmas Entscheidung Textfassung für grössere Kinder
„Trink jetzt endlich deine Milch“! Mahnt die Mutter Flurina
Flurina besucht die 6. Klasse in einem kleinen Dorf. Sie konnte heute ausschlafen, denn es ist Samstag. Die Frühlingsferien haben gerade begonnen. Draussen auf den Berggipfeln, die das kleine Dort im Schweizer Kanton Graubünden überragen, liegt noch Schnee. Doch vor dem Haus recken sich die ersten Blüten in die Frühlingssonne, die bereits die Berggipfel in ein strahlendes Licht taucht.
Es ist Samstag, und Flurina starrt heute etwas länger auf die weisse Flüssigkeit,
die ihr die Mutter – wie jeden Morgen – eingeschenkt hat.
Flurina will raus zu ihrem Lieblingsplatz am Waldrand, wo sie früher gern mit Andrin, einem Jungen aus der Nachbarschaft, herumtollte. Sie spielten die wildesten Spiele und heckten auch lustige Streiche aus. Manchmal lagen aber auch zusammen im Gras, träumten vor sich hin oder sprachen über dies und das. Doch in letzter Zeit kommt das immer seltener vor. Waren sie schon zu alt für solche Spiele? Fragt sich Flurina. Manchmal zwinkerten ihr ihre Freundinnen zu und neckten sie mit der Frage, ob sie beide verliebt seien. Waren sie das? Was bedeutet das eigentlich? Flurina geriet ins Grübeln.
«Sag mal, schläfst du noch?» Fragt ihre Mutter und zeigt erstaunt auf das immer noch volle Glas.
Flurina zuckt leicht zusammen, nimmt sich das Glas, leert es in einem Zug und rennt voller Tatendrang zum Ausgang.
„Vergiss deine Jacke nicht, es ist erst April!“ hört sie ihre Mutter noch rufen, als die Haustür hinter ihr ins Schloss fällt.
Als Flurina um die Ecke rennt, trifft sie der erste Strahl der Frühlingssonne, die hinter einem verschneiten Berggipfel auftaucht. Flurina blinzelt und hält ihr Gesicht dem wärmenden Licht entgegen. Ob Andrin schon wach ist?
Als sie um die Ecke biegt, kommt sie keuchend zum alten Haus mit den schönen Malereien auf der Fassade, in dem Andrin wohnt. Unter seinem Fenster liegt noch immer der Schneehaufen, den eine Dachlawine zurückgelassen hat. Flurina greift mit blossen Händen in den kalten, nassen Schnee, formt einen Schneeball und wirft ihn schwungvoll gegen das Fenster von Andrins Zimmer. In dem Moment öffnet sich das Fenster, und Andrins Vater beugt sich mit seiner Bettdecke hinaus. Der Schneeball fliegt Herrn Caduff knapp am linken Ohr vorbei und verspritzt an der Zimmerwand.
„Flurina!“ Ruft Herr Caduff erschrocken. „Kannst du nicht klingeln, wie alle normalen Leute?“
„Entschuldigung, Herr Caduff“ stottert Flurina mit hochrotem Kopf.
„Ich wollte nur fragen, ob der Andrin schon wach ist.
„Der sitzt auf dem Sofa und hat wieder mal nichts anderes im Kopf als sein Handy. So gesehen kommst du mir gerade recht. Warte einen Moment, ich schicke ihn grad raus!“
Andrin ärgert sich. Er war gerade dabei, seinen eigenen Rekord zu brechen, als er den Schneeball an die Wand klatschen hörte. Da ist sie also wieder, die liebenswürdige Nervensäge von nebenan.
Was sollte denn da schon Spannendes passieren. Es ist doch immer das Gleiche. Immer will sie mit ihm in den Wald gehen. Die anderen Jungs lachen ihn schon aus, weil er noch immer mit Flurina spielen geht. Er straft seinen Vater mit einem einen verächtlichen Blick und einem theatralischen Seufzer. Doch sollte er wirklich protestieren? Irgendwie ist sie auch nett, die Flurina, und sie haben tatsächlich schon viele Abenteuer miteinander erlebt. Und das Wetter war oft tagelang nass und trüb. Und wenn es mal schön war, mussten sie in der Schule sitzen und den Frühling durchs Fenster anschauen. Doch vor seinem Vater zugeben, dass er sich insgeheim ein wenig freut über den unerwarteten Besuch, das will er nun doch nicht. Er zieht sich bewusst langsam und seufzend an und schleppt sich mit leidender Mine zur Haustür. Kaum steht er auf der Schwelle, trifft ihn von der Seite ein eiskaltes Geschoss mitten auf die Wange. Flurina rennt lachend um die Hausecke, und Andrin sieht sich gezwungen, seine Schnelligkeit unter Beweis zu stellen. Schliesslich endet die wilde Verfolgungsjagd auf einem Schneehaufen, wo sich Andrin an Flurina rächt, indem er ihr zeigt, wie der Schnee von innen aussieht. Nicht so grob, wie er das früher gemacht hat, als Flurina dabei oft einen knallroten Kopf und Atemnot bekam. Fast schon zärtlich mutete es Flurina an. Eher wie eine liebevolle Erfrischung. Wie ein echter Gentleman wischt er ihr sogar mit den Händen den Schnee aus den Locken und von den Kleidern. «Gehen wir?» Flurina zeigt in Richtung Waldrand. Wortlos marschieren sie los. Andrin betrachtet die vom Schnee roten Hände Flurinas und erwischt sich beim Gedanken daran, eine dieser Hände in seine noch immer warme Hand zu nehmen. Hand in Hand sind sie seit dem Kindergarten nicht mehr gegangen. Würde sie ihn zurückweisen? Und wenn sie jemand sieht? Das möchte Andrin nun doch nicht riskieren. Also hält er lieber zwei Schritte Abstand zu ihr.
„Schau zu, dass du nicht in eine Alpenpizza trittst!“ warnt Flurina, als sie eine Weide überqueren, die von Kuhfladen übersät ist.
„He!“ ruft Flurina. „Schau mal dort drüben in der Mulde, da liegt doch was!“
Schnell rennen sie auf eine kleine Mulde im Boden zu, unmittelbar beim Waldrand.
„Langsam!“ befiehlt Flurina. Beide kauern sich nieder und nähern sich vorsichtig der Mulde. Darin liegt neugeborenes Kälbchen! Flurina spricht sanft mit dem Kälbchen, während sie sich behutsam näher tastet. Das Kälbchen hebt seien Kopf und schaut die beiden Kinder neugierig mit seinen grossen, dunklen Augen an. „Es ist ein Stierkalb!“ meint Andrin fachkundig, denn er hat schon oft bei seinem Onkel, dem die Weide gehört, mitgeholfen. „Nicht viel wert.“
Flurina dreht sich um und wirft Andrin einen fragenden Blick zu: „Was heisst das, nicht viel wert?“
„Na ja, es gibt keine Milch. Es wird ein halbes Jahr lang gemästet, dann kommt es zum Metzger. Das – das muss so sein, sagt mein Onkel.“ Andrin schaut zu Boden, denn dem Blick, mit dem Flurina auf seine Worte reagiert, kann er nicht standhalten. Doch kurz darauf fasst er sich wieder und schaut Flurina direkt ins Gesicht: „Nun tu doch nicht so scheinheilig, du hast doch gerade gestern Kalbsbratwurst gegessen am Schulfest, das habe ich selbst gesehen!“ Jetzt ist es Flurina, die ihren Blick senkt. Sie dreht sich wortlos um und schaut das kleine Wesen vor sich an. Sie streichelt dem Kälbchen vorsichtig über den Kopf.
Andrin nähert sich den beiden vorsichtig. Da sieht er, wie dicke Tränen über Flurinas Wangen laufen. Sie ergreift wortlos Andrins Hand und führt sie zum warmen Fell des Kälbchens. Andrin legt behutsam seine Hand auf den kleinen Körper und fühlt die Wärme und das Leben in dem kleinen Geschöpf. Das Kälbchen geniesst die Zuwendung der beiden Kinder sichtlich. Es bewegt seinen Kopf und sucht nach Andrins Hand, um daran zu schnuppern.
Andrin lässt es geschehen.
Doch plötzlich öffnet das Kälbchen seinen Mund und beginnt heftig an Andrins Fingern zu saugen, wie wenn es Milch aus den Zitzen seiner Mama saugen wollte.
Andrin macht dabei ein derart verdutztes Gesicht, dass Flurina losprustet, und auch Andrin muss lachen, als er sich vom ersten Schreck erholt hat. Doch bald schon verdüstert sich seine Mine.
„Was ist?“ fragt Flurina.
„Ich denke nur darüber nach, was wir jetzt tun sollen. Wir können das Kalb nicht einfach so da liegen lassen. Irma hat Zwillinge bekommen, und sie hat ihr Kuhkalb gestern mit zum Stall gebracht, als es Zeit zum Melken war. Dass sie noch ein zweites Kalb bekommen hat, weiss mein Onkel nicht.“
„Und dieses Kalb steht nun bei der Mutter im Stall?“
„Nicht direkt“ meint Andrin mit düsterer Mine. „Es steht in der Kälberbox und ruft nach der Mutter, so wie auch Irma die ganze Zeit nach ihrem Kalb schreit“.
„Aber das ist ja entsetzlich!“ entgegnet Flurina.
„Weisst du, das ist so“ erklärt ihr Andrin. „Wenn man die Milch der Kühe melken will, dann muss man ihnen die Kälber wegnehmen. Würden wir die Kälber bei den Müttern lassen, könnten wir sie nicht melken. Das wäre sogar verboten, hat mir mein Onkel erklärt. – Aus hygienischen Gründen!“
„Das heisst also, dass dieser Kleine auch in so eine Box kommt, wenn dein Onkel ihn entdeckt, und dass er dann gemästet und getötet wird.“ folgert Flurina nachdenklich.
„Ja, genau“ bestätigt Andrin.
„Und was jetzt?“ fragt Flurina, und sieht dabei nachdenklich auf das Kälbchen, das sie mit seinen grossen, dunklen Augen anschaut.
Ein plötzliches Glockenbimmeln reisst Flurina unwillkürlich aus ihren Gedanken. Eine Kuhherde kommt auf die Weide getrottet. Eine der Kühe geht mit gesenktem Kopf zielstrebig im Laufschritt auf sie zu. „Achtung, die Irma kommt!“ ruft Andrin erschreckt. „Schnell, wir müssen uns verstecken!“
Flurina und Andrin schlüpfen unter dem Weidedraht durch und verziehen sich hinter eine dicke Tanne.
Irma geht zielstrebig auf die Mulde zu. Das Kälbchen erhebt sich auf seine wackligen Beine. Nachdem sich die Mutter und das Kind kurz beschnuppert haben, stupst das Kälbchen gegen Irmas Euter und beginnt zu trinken. Flurina und Andrin wagen sich aus ihrem Versteck hervor und kauern sich nieder. Plötzlich spürt Andrin, wie Flurina ihren Arm um ihn legt. Es fühlt sich richtig an. Sie haben ein Geheimnis. Etwas, was sie verbindet.
Nach dem Trinken leckt Irma liebevoll ihr neugeborenes Kind und liebkost es zärtlich. Andrin warnt Flurina: «Komm ihnen ja nicht zu nahe! Kühe verteidigen ihre Kinder. Irma ist stärker als du, und sie musste schon dreimal erleben, dass ihr ein Kalb weggenommen wurde. Schon dreimal hat sie tage- und nächtelang vergeblich gerufen und geweint nach ihrem Kleinen. Flurina schaut Andrin entsetzt an:
«Das tut mir so weh im Herz, wenn ich das höre. Kühe sind so zärtliche Mütter. Wie können wir ihnen das antun?» Nun, das passiert ja auch wegen dir. Du trinkst Milch und isst Käse, Joghurt und Quark. Hattest du denn keine Ahnung, wie das läuft? Ohne Tiere zu töten kannst du weder Milch noch Eier produzieren. Die Realität sieht ein wenig anders aus als in der Heidi-Geschichte, wo die Ziegen Milch geben, ohne dass sie Zicklein gebären, die danach getötet werden. Und wo das Trockenfleisch, dass Peter so gern isst, einfach so vom Himmel zu fallen scheint. Was meinst du, wie die Geschichte herausgekommen wäre, wenn der Grossvater zu Heidi gesagt hätte: «Geh mal in die Hütte und hole mir das grosse, scharfe Messer und das «Schneehöppli». Ich möchte dir zeigen, wie ich das feine Trockenfleisch mache, das Peter so gern isst!» «Oh!» rief Flurina aus. «Ich glaube, Heidi wäre freiwillig nach Frankfurt gereist und dortgeblieben!»
Glockenschläge reissen sie unmittelbar aus ihrem angeregten Gespräch. Es ist schon Mittag, und sie müssen zurück ins Dorf. Flurina verabschiedet sich hastig von Andrin, aber nur für kurze Zeit. Am Nachmittag wollen sie sich in ihrem Zimmer weiter beraten.
Flurina stürmt ins Haus. Alle sitzen schon am Tisch, und in der Mitte dampfen Spaghetti mit Tomatensauce. Flurina ist heute heilfroh darum, dass es dieses Essen gibt. «Käse?» fragt sie ihr Vater und streckt ihr eine Schale mit Reibkäse entgegen. «Nein danke, heute nicht!» erwidert Flurina. Irgendwie schmeckt es ihr heute viel besser als sonst. Als Flurina sich zum zweiten Mal den Teller randvoll füllt, sagt ihre Mutter: „Na du hast aber einen Bärenhunger. So kenne ich dich gar nicht. Sonst bist du doch immer die erste, die vom Tisch aufsteht.“ Tatsächlich hat Flurina einen gesegneten Appetit. Am Nachmittag hat sie mit Andrin abgemacht. Sie wollen einen Plan zur Rettung des Kälbchens aushecken. Jetzt ist es wohlbehütet bei seiner Mutter auf der Weide…
„Mit Rahm wie immer?“ Flurina schreckt aus ihren Gedanken auf und sieht ihrer Mutter ins Gesicht. Die stellt gerade eine Schale mit Rhabarberkompott vor sie hin und ist im Begriff, Sahne darüber zu sprühen. Flurina schaut sie erschrocken an: „Nein danke, heute nicht!“
„Was ist denn mit der los?“ brummt der Vater vor sich hin und sprüht sich einen mächtigen Berg Sahne auf sein Kompott.
Kurz darauf klingelt Andrin an der Haustür, und Flurina und Andrin verschwinden in Windeseile in Flurinas Zimmer. Beide sind ein wenig aufgeregt, denn sie haben ein dringendes Problem zu lösen.
„Wir könnten die Tierärztin um Rat fragen“ schlägt Andrin vor. «Yael respektiert Tiere. Ich glaube nicht, dass sie uns bei Onkel Linard verpfeifen würde.».
«Bist du sicher?» entgegnet Flurina. «Wir können das Kalb ja einfach in mein Zimmer schmuggeln.»
Andrin verdreht die Augen: «Willst du wirklich ein Zimmer voller Kuhfladen?»
So wird auch Flurina rasch klar, dass sie Hilfe brauchen. «Sollen wir sie anrufen?» fragt Flurina. Doch Andrin hat schon sein Handy gezückt und im gleichen Moment meldet sich Yael. Frau Gaduff blickt den beiden etwas irritiert nach, als sie kurz darauf eilig die Treppe herunterstürmen und etwas unsanft die Haustür hinter sich zuknallen.
Yael, die Tierärztin, hört den beiden Kindern aufmerksam zu und schaut sie verdutzt und ungläubig an. Sie kann ihre Tränen nicht zurückhalten, was Andrin und Flurina ein wenig irritiert. Als Yael das bemerkt, fasst sie sich und schaut die beiden an. „Ja, jetzt verstehe ich.“ sagt sie. Linard hat mich gestern angerufen. Er meinte, seine Irma habe zu wenig Milch gehabt für eine Kuh, die frisch gekalbt hat. Er befürchtete, sie sei krank. Ich ging zu ihm, habe Irma gründlich untersucht, aber nichts Ungewöhnliches gefunden. Jetzt weiss ich warum: Sie hat ihr Kalb auf der Weide gesäugt.
„Kinder, was ihr mir da erzählt, ist einfach unglaublich.
Irma hat eines ihrer Kälber versteckt und das andere in den Stall zurückgebracht. So hat sie den Linard überlistet. Offenbar weiss sie ganz genau, dass ihr das Kälbchen weggenommen wird. Ich weiss ja, dass Tiere klug sind. Aber das hätte ich einer Kuh nun doch nicht zugetraut.
Mein Gott, was tun wir diesen Tieren nur an!
Woher nehmen wir das Recht…“ und da stockt ihre Stimme und ihr Blick geht ins Leere.
Doch dann schaut sie die Flurina und Andrin mit entschlossenem Blick an und sagt:
„Kinder, es gibt eine Chance. Wir müssen mit Linard reden. Aber zuerst braucht das Kalb einen Namen, und ich weiss auch schon, wie es heissen soll!“
Andrin und Flurina sehen Yael erwartungsvoll an.
„Moses!“ verkündet sie mit einem Augenzwinkern. „Ihr kennt doch die Geschichte?“
Die Kinder zucken mit den Schultern. „Moses wurde von seiner Mutter in einem Schilfkorb auf dem Nil ausgesetzt, weil sein Leben in Gefahr war. Die Tochter des Pharaos hat ihn gefunden und gerettet. Und später führte Moses sein Volk aus der Sklaverei in die Freiheit!“
„Und wo finden wir jemanden, der unseren Moses rettet?“ fragt Andrin besorgt.
„Ich kenne da jemanden.“ entgegnet Yael.
„Wunder kann ich euch keine versprechen. Aber ich kenne da eine Frau, die berät Bäuerinnen und Bauern, die mit der Tierhaltung aufhören und ihre Höfe in Lebenshöfe umwandeln wollen. Ich werde Sarah anrufen, dann können wir uns mit dem Linard an einen Tisch setzen und mit ihm reden. Wisst ihr, ich habe doch auch Augen im Kopf. Ich sehe doch, wie sehr ihn seine tägliche Arbeit belastet. Er hat ein gutes Herz. Das Problem ist nur: Er verdient sein Geld damit. Das ist sein Einkommen, und der Hof ist sein Lebenswerk. Er versucht, den Tieren das Leben so schön wie möglich zu machen. Aber solange die Menschen Milch, Butter, Rahm, Joghurt, Quark, Käse, Eier und Fleisch kaufen, muss das ja jemand den Tieren antun.
„Aber wir brauchen doch Fleisch und Milch, um gesund zu bleiben“, meint Andrin. «Das sagen meine Eltern!»
„Wir können problemlos ohne Tierprodukte leben. Das kann sogar gesünder sein und besser für den Planeten.“ sagt Yael. „Leider wissen das die meisten Leute noch nicht.
„Das musst du mal meiner Mutter erzählen! Die zwingt mich jeden Morgen dazu, ein Glas Milch zu trinken, obwohl ich das eklig finde.“ sagt Flurina.
„Ja, ich lebe schon sieben Jahre lang ohne Tierprodukte. Die Kekse auf dem Tisch sind vegan, auch die Milch. Letzte Woche habe ich viele Gäste mit einer feinen Lasagne verwöhnt. Auch die war ganz ohne Tierprodukte gemacht. Niemand hätte es bemerkt, wenn ich nichts gesagt hätte.
„Aber fehlt dir denn nichts?“ fragt Andrin.
„Schau mich doch an.“ antwortet Yael und lacht laut. Sieht so jemand aus, der mangelernährt ist?
Mein Essen ist gesund und schmeckt sehr gut. Ich lade euch gerne mal ein, wenn ihr wollt.
Flurina nickt begeistert: „Ja gerne!“
Andrin und Flurina gehen ein wenig aufgewühlt nach Hause. Morgen ist der grosse Tag. Yael hat mit Sarah telefoniert.Onkel Linard ist bereit zu einem Gespräch, er weiss aber noch nichts von Moses. Sarah und Yael wollen ihn zu ihm führen. Flurina und Andrin sind fest entschlossen, Onkel Linard zu helfen, wann immer sie Zeit haben, falls er einen Lebenshof gründen möchte.
Yael übernachtet in ihrem kuscheligen Schlafsack draussen bei Moses.
Um ihn zu beschützen, und damit er sich nicht so allein fühlt.
Am nächsten Morgen erwacht Flurina erst, als die Sonne schon durch ihr Fenster scheint. Erschrocken muss sie feststellen, dass es schon fast neun Uhr ist. Sie zieht sich hastig an, rennt in die Küche und schnappt sich rasch einen Apfel. „Flurina, deine Milch!“ hört Flurina ihre Mutter noch rufen, als das Haustüre hinter ihr ins Schloss fällt. – Und von ganz weit her: „Und deine Jacke!“
«Es ist nicht meine Milch, sie gehört dem Kälbchen» denkt Flurina, während sie durchs Dorf rennt.
Als sie auf den Weg zum Hof von Linard einbiegt, sieht sie bereits Linard mit Sarah, Yael und Andrin am massiven Holztisch vor dem Hof in der Sonne sitzen. Linard wirkt etwas verwirrt.
Hastig schüttelt Flurina allen die Hand zur Begrüssung. Dann setzt sie sich erwartungsvoll an den Tisch.
«So, jetzt bin ich aber gespannt», durchbricht Linard die Stille. «Ihr wollt also mit mir reden? Was ist beschäftigt euch denn?»
Yael nickt den beiden Kindern ermutigend zu, und sofort sprudelt es aus Flurina heraus. Sie erzählt Linard die ganze Geschichte rund um Irma und Moses.
Linard hört interessiert zu und macht ein nachdenkliches Gesicht.
Plötzlich verfinstert sich seine Mine. Er blickt verunsichert in die Runde.
«Seid ihr gekommen, um mir zu sagen, ich sei ein brutaler Tierquäler und Mörder? Ich halte mich doch an alle Vorschriften. Ich mache sogar freiwillig noch viel mehr für meine Tiere!»
Da blickt ihn Yael direkt an: «Lieber Linard, erzähle uns doch mal, wie das für dich ist, wenn du eines deiner Tiere zum Schlachter geben musst.»
Da verändert sich der Gesichtsausdruck von Linard schlagartig. Er senkt den Kopf und stützt ihn auf seine Hände. Er atmet tief durch und schaut dann mit traurigen Augen in die Runde.
«Das ist sehr schwierig für mich. Ich fühle mich in diesem Moment wie ein Verräter. – Aber…»
Nun blickt er eher trotzig. «Es muss halt sein. Das haben wir schliesslich schon immer so gemacht. Das gehört halt zur Natur. Fressen und gefressen werden. Es ist ein ewiger Kreislauf. Was sollen wir denn sonst essen? Schliesslich brauchen wir Fleisch, Milch und Eier, um zu überleben. Und zudem frisst der Löwe doch auch…» Die Blicke, die ihm Sarah und Yael zuwerfen, lassen ihn verstummen. Ein verlegenes Lächeln huscht über sein Gesicht. «Merkst du es selbst oder muss ich es dir tatsächlich nochmals erklären?» fragt ihn Yael.
«Ja, wir haben tatsächlich schon oft darüber diskutiert. Und ja, ich muss zugeben, dass es ziemlich faule Ausreden sind. Aber ich bin nun mal in dieser Tradition aufgewachsen.»
«Wir auch!», erwidern Sarah und Yael wie aus einem Mund. Nach einem leicht angespannten Moment der Stille fragt Sarah: «War Tradition jemals ein guter Grund für Gewalt?»
Da steht Linard auf und blickt um sich. «Und was soll ich mit all dem? Das habe ich alles mühsam aufgebaut. Soll ich etwa in ein Büro arbeiten gehen? Das ist nicht meine Welt! Ich brauche die Natur und die Tiere um mich herum. Ich brauch den Duft von frischer Erde. Ich will mit den Händen arbeiten. Ich will am Abend sehen, was ich gemacht habe. Das ist meine Welt hier. Und wenn ich es nicht mache, macht es ein anderer. Solange die Leute das kaufen wollen, wird es auch hergestellt. Wahrscheinlich auf eine schlechtere Art, als ich es hier mache. Also was soll das bringen?»
Da räuspert sich Sarah und sagt: «Genau darum hat mich Yael darum gebeten, hierher zu kommen. Ich bin hier, um dir, lieber Linard, zu zeigen, wie du mit deinem Hof zu einem Vorzeigeprojekt für eine Zukunft machen kannst, in der wir keine Tiere mehr ausbeuten. Ich habe schon viele Bäuerinnen und Bauern beraten, die ihre Höfe umgestellt haben. Und ich lebe selbst auf so einem Hof. Auf dem «Hof Narr» in Hinteregg.
«Und ich habe mir erlaubt, einen Picknickkorb mit Produkten mitzubringen, die auf solchen Höfen hergestellt werden. Ein Festmahl mit veganen Köstlichkeiten!
Doch bevor ich ihn auspacke, muss ich dich fragen: Haben wir denn was zu feiern?»
«Das geht mir nun doch alles ein wenig zu schnell», erwidert Linard.
«Was soll denn mit all meinen Tieren geschehen?»
«Die dürfen gerne bei dir bleiben», meint Sarah.
«Wir suchen Menschen, die Patenschaften für deine Tiere übernehmen. Ich bin zuversichtlich, dass wir genug Spenden auftreiben können. Zudem könntest du Führungen auf deinem Hof anbieten. Schulklassen und Familien könnten vorbeikommen und etwas über die Tiere lernen und bei dir erfahren, dass diese Tiere genauso fühlende und liebenswerte Lebewesen sind wie Katzen oder Hunde. Und viele Menschen sind sogar bereit dazu, freiwillig bei der Arbeit mitzuhelfen.
Allerdings ist das natürlich nur eine Übergangslösung.
Alle Höfe können wir nicht in Lebenshöfe umwandeln. Das würde nicht funktionieren. Darum ist es sehr wichtig, die Menschen dazu zu bringen, vegan zu leben.
Allein in der Schweiz werden jedes Jahr über 83 Millionen Tiere ermordet. Das sind fast 10-mal so viele Tiere wie es Menschen gibt.»
«Wir sind mit dabei! Wir helfen dir!» rufen die beiden Kinder begeistert.
«Nun ja» meint Linard nachdenklich. «Wenn ich so einen Lebenshof führen würde, müsste ich also logischerweise auch selbst vegan leben. Aber ich kann mich doch nicht nur von Salat ernähren? So könnte ich doch bald nicht mehr hart arbeiten!» Er krempelt einen Ärmel hoch und blickt nachdenklich auf seinen eindrücklichen Bizeps.
«Falsch. Gras und Steine. Du könntest nur noch Gras und Steine essen.» meint Yael mit einem Augenzwinkern.
«Na ja, ich denke es wird nun noch Zeit für meinen Korb. – Feiern hin oder her.» sagt Sarah und hebt einen schweren Korb auf den Tisch und beginnt den Inhalt auszubreiten. «Da hat es genug Proteine, Kohlenhydrate und Vitamine für alle!» meint sie, und zeigt dabei auf das vor ihnen liegende, vielfältige, bunte und leckere Buffet.
«Hmmm, lecker!» meint Andrin mit vollem Mund. «Dieses Hummus aus Schweizer Kichererbsen schmeckt grossartig! Und dieser Linsensalat! Und die selbstgemachten veganen Burger aus Bohnen! Aber sag mal Yael, wie können wir denn Menschen davon überzeugen, vegan zu leben? Was gibt es für Möglichkeiten?»
«Da sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Es wurden schon viele Ideen umgesetzt. Manches davon ist einfach. Andere Formen von Aktivismus brauchen viel Zeit, Wissen, Kreativität und manchmal auch Mut. Du kannst mit deiner Familie und mit Freunden darüber reden und ihnen Filme zeigen. Oder Posts zum Thema teilen. In der Schule könntest du einen Vortrag darüber halten. Oder eine Strasse oder einen Platz mit Strassenkreide verzieren. Dann gibt es auch verschiedene Organisationen, die gemeinsam aktiv werden. Sie organisieren sogenannte «Cubes», in denen sie den Menschen Filme aus der Tierhaltung und aus Schlachthöfen zeigen, während andere mit denen ins Gespräch kommen, sie stehen bleiben und sich darüber unterhalten möchten. Das ist super für den Einstieg, denn du kannst dich auch einfach mal mit einem Bildschirm und einer Maske hinstellen und brauchst nichts zu sagen. Es gibt auch Mahnwachen vor Schlachthöfen oder Demonstrationen. Manche kreieren vegane Rezepte und veröffentlichen sie als Videos oder gar in einem Kochbuch. Oder sie setzen sich eben für einen Lebenshof ein, bezahlen für Patenschaften und helfen tatkräftig an den Arbeitstagen mit. Andere schicken Leserbriefe an Zeitungen oder schreiben Mails an einflussreiche Leute. Oder sie machen sich ein Profil auf den Sozialen Medien und posten dort Interviews oder Aktionen und gehen auch live und reden direkt mit den Leuten.
Es gibt auch Leute, die in Ställe oder Schlachthöfe gehen und dort filmen, wie schlecht die Tiere behandelt werden. Oder die ein Megafon in die Hand nehmen und in Restaurants gehen, um dort lautstark auf das Anliegen aufmerksam zu machen. Solche Aktionen können auch an der Grenze der Legalität oder sogar illegal sein.
Du siehst also, es fängt bei ganz einfachen und alltäglichen Formen an und geht bis zu Formen, die gefährlich werden können und mit denen man mit dem Gesetz in Konflikt kommen kann.
Aber ich will ganz ehrlich zu dir sein: Veganer Aktivismus braucht starke Nerven. Du wirst dich damit bei den meisten Menschen unbeliebt machen. Du klärst über ein Unrecht auf, das viele lieber nicht sehen möchten. Schon allein deine Existenz als vegan lebender Mensch ist eine Provokation. Das hängt damit zusammen, dass viele Menschen ein schlechtes Gewissen haben. Du wirst mit den abenteuerlichsten Ausreden konfrontiert werden. Viele schrecken auch nicht davor zurück, einfach nur «Lecker Fleisch» oder ähnliche Parolen zu rufen oder zu schreiben. Und mache dich darauf gefasst, dass manche Leute von sich geben, sie würden nun extra wegen dir ein Steak essen gehen. Glaube bitte nicht alles. Gerade diese Leute (meist sind es Männer) essen bereits so viel Fleisch, dass sie es kaum noch steigern können. Freue dich im Gegenteil darüber, dass da ein Gewissen zu arbeiten beginnt. Und denke immer daran: Es gibt einige sehr bekannte vegane Aktivisten, die früher solche dummen Kommentare geschrieben haben und Witze über Veganer erzählten. Das prominenteste Beispiel ist Ed Winters, bekannt als «Earthling Ed».
Auch in der Schule wirst du es vielleicht nicht einfach haben.
Du wirst dir vielleicht Witze anhören müssen und mache könnten versuchen, dich sogar zu mobben.
Hol dir bitte Hilfe, wenn es so weit kommen sollte. Auf der Seite sproesslingsherzen.ch findest du ein Beratungsteam, das dir in solchen Fällen helfen kann. Auch bei medizinischen Fragen. Dort kannst du dich auch mit anderen vegan lebenden Familien vernetzen und sogar an gemeinsamen Anlässen und Lagern teilnehmen.
«Hmmm… das klingt ja nicht gerade angenehm.» mischt sich Flurina ein.
«Das scheint starke Nerven zu brauchen.»
«Ja, aber für viele von uns ist es schlimmer, den Mund zu halten und das Unrecht, das sie täglich sehen, hinunterzuschlucken.» erwidert Yael.
«Gegen den Strom zu schwimmen ist immer schwieriger als mit dem Strom. Das war schon in allen früheren Gerechtigkeitsbewegungen so. Auch im Kampf gegen die Sklaverei, für Frauenrechte oder gegen Rassismus. Auch die Regenbogen-Bewegung forderte viele Opfer, bis endlich gesellschaftlich anerkannt wurde, dass jeder Mensch lieben darf, wen und wie er will, solange es echte Liebe und nicht Ausnutzung ist.
Vegan leben allein ist keine Heldentat. Es bedeutet einfach, die Tiere in Ruhe zu lassen. Du beteiligst dich nicht mehr aktiv an diesem grausamen Unrecht. Das ist heute nicht mehr schwierig.
Du musst dich nur informieren und anders einkaufen. Und du musst dir vielleicht hie und da einen doofen Witz anhören. Es ist auf jeden Fall einfacher als es für die Tiere ist, die in Masthallen und Schlachthöfen stehen. Ich denke oft an sie, wenn ich mal wieder eins aufs Dach bekommen habe. Wenn wieder mal jemand nichts mehr mit mir zu tun haben möchte, weil ich den Mund nicht halten konnte und wollte. Oder wenn ich nicht mehr eingeladen werde.
Auf der anderen Seite geniesse ich die neuen, echten Freundschaften unter den vegan aktiven Menschen. Ja, mein Freundeskreis hat sich stark verändert. Früher war ich mit Leuten zusammen, die zufällig die gleiche Klasse besuchten, irgendwie mit mir verwandt waren oder einfach in der Nähe wohnten. Heute verbringe ich Zeit mit Menschen, die meine wichtigsten Werte teilen. Und das ist gut so.
«Dann scheint ja alles beschlossene Sache zu sein». Alle drehen sich zu Linard, der die ganze Diskussion wortlos und mit nachdenklicher Mine verfolgt hat. Besonders sein Neffe Andrin sieht ihn nun ein wenig verdutzt an: «Was meinst du damit, Onkel Linard?»
«Gegen eine solche moralische Übermacht und so gute Argumente scheine ich keine Chance zu haben. Aber habt ihr euch schon mal überlegt, was passieren würde, wenn die ganze Welt vegan würde? Würde das überhaupt funktionieren? Vielerorts wächst nichts als Gras. Gerade in den Bergen oder in der Steppe. Und woher soll der Dünger für den Anbau von veganen Lebensmitteln stammen?
Bräuchten wir dafür nicht viel mehr Ackerland als heute? Viel mehr Spritzmittel? Würden wir damit nicht die Umwelt noch mehr kaputt machen?
«Nein, das ist nicht so.» antwortet Sarah. Du vergisst wohl, dass heute sehr viel Tierfutter extra angebaut werden muss, um die vielen extra gezüchteten Tiere zu ernähren. So viele Tiere können wir nicht mit Gras ernähren. Drei Viertel des Fleisches stammt von Tieren, die nicht mit Gras gemästet werden. Es sind Vögel (also Hühner, Puten oder Enten) und Schweine. Und selbst Kühen muss heute mit viel Kraftfutter zugefüttert werden. Zudem ist auch die moderne Art, mit der wir das meiste Grasland bewirtschaften, ganz schlecht für die Umwelt. Gülle und Mist überdüngen die Wiesen, so dass nur noch wenige Pflanzenarten wachsen. Dadurch können dort auch nur wenige Insektenarten leben. Und nur noch wenige Arten, die von Insekten leben. Durch die modernen Mähmaschinen sterben zusätzlich unzählige Tiere beim Mähen. Und heute wird viel häufiger gemäht als früher.
Und düngen könnten wir auch ohne Tiere auszubeuten. Das zeigt die Biozyklisch-Vegane Landwirtschaft, die ohne das Ausbeuten von Tieren auskommt.
«Tatsächlich baue auch ich Futtermais an, denn eine moderne Milchkuh kann ja nicht mehr von Gras allein leben» gibt Linard zu. Auf diesen Flächen könnte ich auch Essen für Menschen anbauen. Hafer, Soja, Ackerbohnen, Linsen, Roggen oder Kartoffeln. An den steileren Hängen könnten viel mehr Obstbäume und Nussbäume wachsen. Das war früher auch so. Meine Frau und ich könnten daraus leckere Sachen herstellen und sie im Hofladen direkt verkaufen. Auch an die hoffentlich vielen Gäste, die unseren Lebenshof besuchen kommen. Wir könnten vielleicht sogar Übernachtungen im Stroh mit leckerem veganem Frühstück anbieten.»
«Hoppla», meint Sarah. «Ich glaube du brauchst meine Beratung gar nicht. Du sprudelst von Ideen!» «Ein Bauer ist auch ein Unternehmer. Man muss sich dem Markt anpassen. Und hier scheint ja eine ganz neue, interessante Nische zu entstehen, die noch stark wachsen dürfte» erwidert Linard.
«Wachsen muss, würde ich sagen» meint Yael. Zumindest wenn wir als Menschheit auf diesen schönen Planeten überleben wollen!»
«Ehrlich gesagt bin ich natürlich schon froh, wenn ich von deiner Erfahrung profitieren kann» sagt Linard zu Sarah. So einfach, wie das jetzt klingt, wird es dann wohl doch nicht sein.
«Moment mal» unterbricht Flurina. Eigentlich sind wir wegen Moses hier. Und der liegt jetzt wahrscheinlich auf der oberen Weide bei seiner Mama, und die beiden wissen überhaupt nichts von ihrem…» Sie wirft Linard einen fragenden Blick zu: «Glück?»
Linard blickt sich versonnen um. Sein Blick wandert über das schöne Bauernhaus, die grosse Scheune, den Stall und letztlich über sein geliebtes Land. Dann blickt er Flurina fest in die Augen und sagt:
«Ja. Ich mache das. Mit eurer Hilfe werde ich es schaffen.»
Unverzüglich fallen ihm Andrin und Flurina jubelnd um den Hals.
«Bald gehen wir zum ahnungslosen Helden des Tages. Zu Moses! Vorher helft ihr mir aber bitte dabei, im Stall ein Lager für die drei bereit zu machen. Für Irma, Moses und … verflixt, ich habe mir noch gar keinen Namen für seine Schwester ausgedacht. Wie soll sie denn heissen?
«Das soll die Patin oder der Pate bestimmen» schlägt Andrin vor.
«Wer für den Unterhalt bezahlt, darf dem Kälbchen einen Namen geben!»
«Sehr gut», meint Linard. «So machen wir das.»
Jael steht auf und sagt laut: «Mirjam! Das ist doch logisch!»
«He, so geht das nicht» sagt darauf Linard. «Du hast ja gehört, was Andrin vorgeschlagen hat, oder?
«Ja, das habe ich gehört» erwidert Jael.
Heisst das etwa, du wirst ihre Patin?»
«Ja!», ruft Jael. «Natürlich. Was meinst denn du?»
Bald schon stehen Linard, Andrin, Flurina, Yael und Sarah gemeinsam am Weidezaun und beobachten, wie herzlich Irma mit ihrem Moses umgeht. Sie pflegt ihn liebevoll und zärtlich und gibt ihm zu Trinken.
Trotz der Glückseligkeit, die alle fühlen, zeigen sich auf der Stirn von Linard auch einige Sorgenfalten. Doch die Zuversicht und die Erleichterung darüber, in Zukunft keines seiner geliebten Tiere mehr in den Schlachthof schicken zu müssen, schenkt ihm auch Kraft und Mut.
Jetzt braucht es noch einige Umbauarbeiten, bei denen auch Flurina und Andrin tatkräftig mithelfen. Aber auch viele andere Helferinnen und Helfer, die an speziell organisierten Arbeitstagen mit anpacken.
Flurina und Andrin leben inzwischen vegan. Ihre Eltern haben sie davon überzeugen können, indem sie ihnen Dokumentarfilme zum Thema gezeigt haben und lange mit ihnen über das Thema geredet haben. Yael hat ihnen dabei geholfen. Sie reden auch in der Schule offen darüber und haben schon gemeinsam einen Vortrag darüber halten dürfen vor der Klasse. Dabei haben sie über ihre Geschichte mit Irma, Moses und Mirjam berichtet und über den Lebenshof von Linard. Es kam zu einer angeregten Diskussion in der Klasse. Schliesslich wurde das Thema im ganzen Dorf diskutiert. In vielen Familien gingen die Emotionen hoch. Viele Leute hatten das Gefühl, man wolle ihnen etwas verbieten oder wegnehmen. Ein absurder Gedanke, denn natürlich können ein paar vegan lebende Menschen niemandem etwas wegnehmen oder vorschreiben. Das kann letztlich nur das Gewissen jedes einzelnen Menschen. Linard organisierte Führungen, Filmabende und Diskussionsrunden auf seinem Hof. Familien, Kindergärten und Schulklassen dürfen seinen Hof besuchen und dort erleben, dass die Tiere, die wir «Nutztiere» nennen, genauso fühlen wie die Tiere, die wir als Familienmitglieder betrachten. Und dass sie letztlich genauso fühlen wie wir. Sie teilen mit uns die gleichen Grundbedürfnisse. Neben Essen und Trinken brauchen und geniessen sie auch Schutz, Geborgenheit, Liebe, Sicherheit und Freundschaften. Es gibt keinen Unterschied zwischen uns menschlichen Tieren und den nichtmenschlichen Tieren, der unnötige Gewalt und Ausbeutung rechtfertigen kann.
Und keines dieser Tiere will für uns sterben.
Von Alexander Stebler